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spielraum

Vor der „Entdeckung“ der Kindheit

In einer kleinen Reihe von vier Beiträgen „Zur Entwicklungsgeschichte der öffentlichen Freiräume für Kinder“ stellt Daniel Rimbach in der FreeLounge die wesentlichen Ergebnisse seiner Doktorarbeit1 vor. Im ersten Teil geht es um einen Überblick über die Anfänge vor 1850 als Wurzeln der planmäßigen Gestaltung von Freianlagen für Kinder.

Kinder haben schon „immer“ im Freiraum gespielt. Im Mittelalter gab es jedoch keine speziell für Kinder gestalteten Freiräume, da die Gesellschaft nicht klar zwischen Kindern und Erwachsenen unterschied. Das Kind des Mittelalters und der frühen Neuzeit nutzte für sein Spiel hauptsächlich vorgefundene Dinge oder auch einfache, selbst oder von Familienmitgliedern angefertigte Spielzeuge. Gewerbemäßig hergestelltes Spielzeug in unserem heutigen Sinne war eher selten. Diese speziell von Handwerkern angefertigten Spielwaren, mit denen vor allem die Kinder der oberen Stände spielten, lassen sich ab dem hohen Mittelalter nachweisen.

Das berühmte Gemälde „Die Kinderspiele“ von Pieter BRUEGEL D. ÄLTEREN aus dem Jahr 1560 ist ein Katalog der damals üblichen Spiele im Freien. Es zeigt ungefähr 80 verschiedene Spiele. Die Kinder auf dem Bild spielen zumeist ohne Spielzeug miteinander (z.B. Prozession, Verstecken etc.) und mit umfunktionierten Alltagsgegenständen. Obwohl speziell für das Spiel verfertigte Gegenstände, sogenanntes primäres Spielzeug, noch relativ selten war, sind auch einige solcher Spielmittel zu sehen. Zu dieser Kategorie gehören die dargestellten Masken, Puppen, Stelzen, Kreisel und Steckenpferdchen. Die Kinder auf dem Bild spielen aber auch mit Stöcken, Holz, Knochen, Reifen, Ziegelsteinen, Schweinsblasen und gefangenen Vögeln. Die Spiele finden entweder auf der sandigen Straße, einem eingezäunten Rasenstück, an den Mauern oder auf einer baumbestandenen Wiese an einem Bach statt. Festinstallierte „Spielgeräte“, d.h. Gegenstände, die zum Spiel genutzt werden, sind: ein Sandhaufen, ein Baumstamm, ein Holzbalken, ein Spieltisch, ein hölzerner Zaun, ein Kletterbaum und ein Reck.

Die sich ab dem Ende des Mittelalters langsam entwickelnde schrittweise gesellschaftliche „Entdeckung“ oder „Erfindung“ der Kindheit als eigener Lebensabschnitt spiegelte sich auch in der zunehmend differenzierteren Gestaltung von Freianlagen für Kinder wider.

Belehrung und Unterweisung

Von der frühen Neuzeit bis zur Zeit der Aufklärung wurden Freianlagen für Kinder, wenn überhaupt, dann nahezu ausschließlich mit dem Ziel der Belehrung und Unterweisung oder zur Erholung vom Lernen geschaffen.

Die ersten für Kinder geschaffenen Freianlagen in der Renaissance waren botanische Gärten im Zusammenhang mit Bildungseinrichtungen. Der Ulmer Stadtbaumeister Joseph FURTTENBACH stellte 1635 in seiner „Architectura vniversalis“ den Grundriss einer Schule vor. Das Gebäude schließt vier Gartenhöfe, das heißt zwei „Küchengärtten“, einen „Baumgartten“ und einen „Blumengartten“, ein. Im „Baumgartten und „Blumengartten“ sollten „die Innwohner ihr Recreation haben können“ (FURTTENBACH, 1635, Tafel 16 u. S. 47).

Am Ende des 17. Jahrhunderts entstanden die ersten vereinzelten Schülerarbeitsgärten. Auf Veranlassung von Herzog ERNST I VON SACHSEN, genannt der Fromme (reg. 1640-1675), wurde in Gotha ein Kräutergarten an einer Schule anlegt, um die Pflanzenkenntnisse der Kinder zu verbessern.

Spieleinrichtungen für Erwachsene in den Gärten

Seit der Renaissance wurden in herrschaftlichen Gärten des Adels und wohlhabenden Bürgertums Räume für Erwachsenenspiele eingerichtet.

In den Gärten wurden z.B. Schießscheiben aufgestellt. Besonders verbreitet waren Kegel-, Kugel- und Kricketspiele, welche oft in den Kabinetten des Bosketts auf eigens angelegten „Spiel-Plätzen“ stattfanden. So gab es in der Renaissance und der Barockzeit spezielle Plätze bzw. Bahnen für das Passspiel und das Mailspiel (z.B. Hortus Palatinus in Heidelberg). Brettspiele wurden in monumentale Maßstäbe übersetzt. Schaukeln, Wippen und Karussells wurden besonders im Rokoko als erotisierend-kokettes Spiel eingesetzt.

Im Barock war das Spiel ein wichtiger Teil der Gartenkunst. Eine Besonderheit war der Pillnitzer Schlossgarten bei Dresden, der unter dem sächsischen Kurfürsten und König von Polen, AUGUST DEM STARKEN, in den 1720er Jahren so gestaltet wurde, dass die gesamte Anlage einzig und allein dem höfischen Spiel und der höfischen Festkultur gewidmet war. Die zahlreichen Spieleinrichtungen dienten in erster Linie dem Vergnügen des erwachsenen Publikums. In diesen Anlagen spielten Kinder mit den Erwachsenen als „kleine Erwachsene“ nach deren Regeln. Dies beweist jedoch noch nicht, dass die Kinder in den Gärten nicht auch eigene „Nichterwachsenenspiele“ gespielt haben. Es wird vielmehr deutlich, dass die Gärten ausschließlich für Erwachsene geplant und angelegt waren.

Erst kurz vor 1800 entstanden in den Privatgärten auch erste Kinderspielbereiche, die mit speziellen Kinderspielgeräten ausgestattet wurden. Hier zeigte sich eine auffällige zeitliche und sicher nicht zufällige Parallelität zum Aufkommen der ersten bürgerlichen Kinderspielstuben in der Zeit um 1800.

Stärkung von Körper und Geist

Die Zeit der Aufklärung und die Herausbildung einer bürgerlichen Kultur ab etwa 1750 brachte die endgültige Wertschätzung der Kindheit mit sich. Die Philanthropen dieser Zeit, allen voran BASEDOW in Dessau sowie SALZMANN in Schnepfenthal bei Gotha, entwickelten detaillierte Bildungskonzepte, bei denen die Aneignung und Nutzung des Freiraums eine bedeutende Rolle spielte. Wesentliche Bestandteile dieser ganzheitlichen Erziehung und Bildung waren die Gartenarbeit, die Durchführung von Leibesübungen sowie die Naturanschauung auf Spaziergängen, Wanderungen und Fahrten. In das Bildungsprogramm der Neuzeit für Kinder führten die Aufklärer die gymnastischen und turnerischen Übungen sowie die zielgerichtete Aneignung von Natur und Landschaft ein. Auch angeleitete Bewegungs- und Gesellschaftsspiele wurden von den Philanthropen gefördert. Die Leibesübungen und die Gartenarbeit unter ständiger Anleitung eines Lehrers wurden vor allem von den rationalen Aufklärern als ein probates Mittel im Kampf gegen die „Selbstschändung“, d.h. die Masturbation, angesehen.

1785 legte GUTSMUTHS auf einem bewaldeten Hügel in der Nähe der Erziehungsanstalt Schnepfenthal einen Gymnastikplatz für die dortigen Zöglinge an.

Die Lage und Gestaltung dieses Platzes wurde zum Vorbild für die Gestaltung der im Rahmen der Turnerbewegung JAHNS ab 1811 entstehenden Turnplätze. Die relativ wenigen, aber in ganz Deutschland verbreiteten Turnplätze der Turnervereine ermöglichten erstmals die zielgerichtete körperliche Betätigung auf speziell angelegten Plätzen außerhalb des schulischen Zusammenhangs. Bei diesen öffentlichen Turnplätzen schadete es laut JAHN nichts, wenn diese in beträchtlicher Entfernung zu den Wohngebieten angeordnet waren, „ja es wäre ein selbst ein ¾ bis 1 Stunde weit gelegner einem weit näheren, minder brauchbaren vorzuziehen. Denn für Kinder von acht bis neun Jahren ist die Übung im G e h e n schon sehr wichtig“ (JAHN & EISELEN 1816, 202).

Entstehung der ersten gemeinschaftlichen Kinderspielplätze

Für das freie selbsttätige Spiel der Kinder hatten Pädagogen in der Zeit der Aufklärung jedoch noch kein Verständnis. Im Zuge der zunächst zögerlich einsetzenden Industrialisierung entstanden ab den 1820er Jahren verstärkt Kleinkinderbetreuungseinrichtungen und auch schon allererste städtische Kinderspielplätze. Zu diesen „Kleinkinderschulen“ und „Kleinkinderbewahranstalten“ gehörten auch Spielgeräte, die in den Außenanlagen aufgestellt wurden. Diesen ersten gemeinschaftlichen Spielplätzen lag jedoch noch kein differenzierter pädagogischer Ansatz zugrunde. Dies änderte sich erst durch den Pädagogen Friedrich FRÖBEL, den Begründer und Namensgeber der Kindergartenbewegung. Er entwarf 1839 den Außenraum für den ersten Kindergarten in Blankenburg. Der Außenraum, d.h. der Garten, trug wesentlich zur Begriffsprägung seines pädagogischen Grundkonzeptes „Kindergarten“ bei. Im Garten des ersten Kindergartens wurde gelernt, gearbeitet und gespielt. Es gab Anschauungsbeete zum Lernen. Jedes Kind hatte ein eigenes Beet zum Arbeiten. Gemeinsam wurde auf einem Laufspielplatz und einem Bauspielplatz gespielt. Mit dem selbsttätigen Spiel fügte er der Pädagogik eine dritte gleichberechtigte Säule hinzu. Mit seinem halböffentlichen Charakter und dem hierfür gezielt geplanten Besucherbereich gehört der Garten des ersten Kindergartens an den Beginn der Entwicklungslinie zur modernen öffentlichen Freianlage für Kinder und weist damit weit über das 19. Jahrhundert hinaus. Bemerkenswert ist, vor allem im Vergleich mit der später stattfindenden Entwicklung am Ende des 19. Jahrhunderts, dass diese ersten, noch halböffentlichen FRÖBELschen Spielplätze kein Ersatz für in der Großstadt fehlende Natur waren. Sie waren vielmehr Bestandteil eines pädagogischen Konzepts, welches zunächst mit Bauern- und Kleinbürgerkindern einer ländlichen Region erprobt wurde.

Die Anlage von öffentlichen Kinderspielplätzen vor 1850 ist als eine absolute Ausnahme zu betrachten. In größerem Umfang wurden öffentliche Spielplätze erst ab den 1870er und 1880er Jahren angelegt, in sehr vielen Städten auch erst ab der Wende zum 20. Jahrhundert.

Daniel Rimbach